Innovation heisst: den Standort ständig neu denken.

Nicola Forster, Innovationsberater und Präsident des Think-Tanks foraus (Forum Aussenpolitik) sagt, wie Standortmarketing neues Potenzial und nachhaltige Wirkung findet – und weshalb der Wirtschaftsraum Zürich und die Schweiz sich um mehr Start-ups bemühen sollten.

Nicola Forster

Herr Forster, ohne permanente Innovation wäre die Greater Zurich Area längst keine so erfolgreiche und niemals die führende Wirtschaftsregion der Schweiz geworden. Weshalb sind wir heute wieder in einer Situation, die besonderen Innovationsgeist erfordert?

«Nachhaltige und starke Innovationsleistungen haben in der Greater Zurich Area eine solide Tradition. Dabei denke ich an zahlreiche erfolgreiche Firmen, aber auch an die grossen Hochschulen. Seit den Zeiten der Industrialisierung findet Innovation häufig im Wirtschaftsraum Zürich ihren Ursprung– man denke nur an den Wirtschaftspionier Alfred Escher. Wir dürfen uns aber auf keinen Fall auf diesen Lorbeeren ausruhen: Mit dem technologischen Fortschritt und der fortschreitenden Digitalisierung aller Branchen sind wir heute in einer Situation, die uns zu permanenter Veränderung und Strukturwandel zwingt. Innovation heisst deshalb, den Standort ständig neu zu denken.»

Was benötigt grundsätzlich, wer besonders innovativ sein muss, um den internationalen Firmen zu gefallen – und wie definieren Sie Innovation, die sich auf so vielschichtige und komplexe Prozesse bezieht?

«Das Allerwichtigste sind und bleiben die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen: Rechtssicherheit und Stabilität, ein flexibler Arbeitsmarkt mit der Möglichkeit zur Rekrutierung internationaler Arbeitskräfte, faire Besteuerung und eine leistungsfähige Infrastruktur sowie Cluster innovativer Branchen. Zunehmend gibt es auch Unternehmer, die sagen, sie kämen wegen der weltweit einmaligen Lebensqualität in den Wirtschaftsraum Greater Zurich Area.»

Das Seco stellt Innovation in der Standortförderung für die nächsten Jahre ins Zentrum. Wo muss die Schweizer Standortförderung, wie sie bisher betrieben wurde, dringend innovativer werden?

Wir müssen die Zielgenauigkeit erhöhen: Standortmarketing muss auf Wertschöpfungsprozesse fokussieren, die im Wirtschaftsraum Zürich und in der Schweiz wirtschaftlich betrieben werden können. Für den Raum Zürich wie für die Schweiz liegt das Wertschöpfungspotenzial eindeutig im Bereich von Forschung und Entwicklung. Ausserdem gilt heute mehr denn je: Man muss weniger in Unternehmen denken, sondern vielmehr in UnternehmerRn. Die Greater Zurich Area benötigt Köpfe, die hier ihre Ideen produktiv umsetzen. Und diese sind häufig in kleinen Start-ups oder im hochschulnahen Umfeld zu finden.»

Wegen der Bedeutung der Innovation (so das Seco) lege die nationale Standortpromotion neu künftig den Fokus stärker auf wertschöpfungsintensive sowie innovative Wirtschaftszweige und schenke dem Aspekt der Innovation noch mehr Beachtung. Ist das bei der Definition des Rahmens für 2016 bis 2019 geglückt?

«Der Fokus auf den Tourismus und den ländlichem Raum ist sicherlich gerechtfertigt, da der Strukturwandel dort besonders schmerzhaft sein wird und durch gezielte Innovationspolitik abgefedert werden kann. Zentral ist jedoch vor allem, dass Innovation nie „top-down“ verordnet werden kann, sondern auf starke regionale Akteure setzen muss, die innovative Ökosysteme „von unten“ initiieren. Diese brauchen dann auch die Möglichkeit, auf internationaler Ebene gezielt diejenigen Unternehmen anzuwerben, die zu ihrem Cluster passen.

Durch die Ausrichtung auf wertschöpfungsintensive und innovative Wirtschaftszweige wird bisweilen der Vorwurf laut, Standortförderer betrieben Industriepolitik. Wie können denn Zukunftsbranchen ermittelt werden?

«Standortmarketing muss sehr nahe am Markt sein, um stets zu wissen, wo die zukunftsträchtigen Trends liegen. So lässt sich vermeiden, dass es Modewellen folgt und damit Industriepolitik betreibt. Standortmarketingorganisationen müssen dafür selbst im Gespräch mit Unternehmern sein. Nur so sehen sie, wo Innovation stattfindet, welche Wachstumspotenzial hat.  Deshalb dünkt mich unter anderem die Fokussierung der GZA auf die Präzisionsgüterindustrie mit ihrer starken Digitalisierung sehr gut und auf den Wirtschaftsraum Zürich zugeschnitten. Zukunftsträchtiges Standortmarketing muss solche «Nischen» ausmachen.»

Der internationale Standortwettbewerb findet heute primär unter Metropolitanregionen statt. In der Schweiz sind aber die Kantone die hauptsächlichen Ansprechpartner für Standortförderung und –marketing. Braucht es ein Umdenken?

«Die Zusammenarbeit der Kantone innerhalb der Areas macht Sinn; anders wäre eine kritische Grösse gar nicht zu erreichen. Auf internationaler Ebene ist die GZA ja eher klein. Insofern ist eine Stärkung der Metropolitanregionen folgerichtig, um im internationalen Wettbewerb bestehen zu können.»

National setzt die Standortpromotion nach wie vor auf die Verwendung staatlicher Mittel, resp. Steuergelder. Die GZA wird zu 35 % von privaten Firmen getragen. Kann rein staatliche Standortförderung überhaupt innovativ sein?

«Staatliche Mittel dürfen nicht gegen private ausgespielt werden. Es braucht beide. Die Marktnähe ist allerdings extrem wichtig, um zu wissen, wo die Musik spielt. Und da sind halt private Unternehmen viel besser positioniert. Deshalb sollte deren Rolle in der Finanzierung von und im Netzwerk des Standortmarketings noch gewichtiger werden.»

Das Standortmarketing der Greater Zurich Area AG, nach dem Prinzip der Public Private Partnership konzipiert, bemüht sich seit Jahren, innovative Ansätze möglichst in den Alltag des Standortmarketings einzubauen. Wo muss die GZA innovativ(er) werden?

«Ich sehe einen grundsätzlichen Ansatz, der Potenzial hat: Das vermehrte Fokussieren auf Startups. Wir brauchen mehr „entwicklungsfähige“ Unternehmer/innen statt nur (grosse) Unternehmen! Es sind heute meistens kleine Startups, welche die wirklich innovativen Ideen zünden - diese werden dann zu einem späteren Zeitpunkt von den grossen Firmen gekauft. Innovation kommt fast immer von unten, sie beginnt klein, ist agil und wendig. Ein Standortmarketing, das sein Ohr bereits in diesem Stadium im Netzwerk hat, kann viel gewinnen. Strategisch müsste es also beispielsweise gelingen, näher an den Markt von Hochschul-Spin-offs heran zu kommen bei der Kontaktaufnahme – um frühzeitig vorhandenes Potenzial erfassen zu können. Man darf dies nun nicht mit dem kurzfristigen Argument abklemmen, das bringe ja weder Steuersubstrat noch Arbeitsplätze – talentierte Startup-Unternehmer werden in Zukunft für beides sorgen. Zukunftsfähiges Standortmarketing bezieht deshalb beides mit ein: etablierte internationale Firmen, aber auch die Ideenbringer, welche in Cluster-Netzwerken die Wirtschaft befruchten und beleben. Hier besteht im Unterschied zum „Startup-Mekka“ in der Genferseeregion im Raum Zürich zweifellos ein Problem, und zwar wohl nicht nur wegen fehlender Investoren. Wir müssten beispielsweise endlich den Vorteil nutzen, dass wir einen anerkannten Finanzplatz vor der Türe haben, der für Risiko-Finanzierungen einspringen könnte. Ein weiteres Potential entsteht, wenn die diversen neuen Innovationsinitiativen (Digital Zurich 2025, nationaler Innovationspark etc.) noch enger zusammenarbeiten und sich auch für kleine Akteure öffnen.»

Die Schweiz erlebt seit einigen Jahren wirtschaftlich wie politisch mitunter ruppige Phasen mit Volksinitiativen und politischen Vorstössen. Ist Innovation ein Allheil-Mittel, um in möglichen Strukturveränderungsphasen besser bestehen zu können?

« Gutes Standortmarketing ist ein äusserst kostengünstiges Konjunkturprogramm: Es schafft Arbeitsplätze und bringt Steuersubstrat. Man kann dabei den Strukturwandel quasi importieren und ihn erst noch mitlenken und beeinflussen. Deshalb ist gezieltes Standortmarketing auszubauen – nicht einzudämmen.

Zur migrationskritischen Stimmung in der Schweiz: Sobald die klügsten Köpfe und tüchtigsten Hände nicht mehr zu uns kommen können, gehen auch die innovativsten Firmen. Das wird den Wirtschaftsraum Zürich wie die Schweiz sehr rasch empfindlich treffen. Wenn wir es also nicht schaffen, unsere Rahmenbedingungen so auszugestalten, dass die notwendige Zuwanderung möglich bleibt, geraten wir eher früher denn später auf die Verliererseite. Schon heute gehen die Ansiedlungen internationaler Firmen zurück. Wir müssen deshalb unbedingt proaktiv handeln, sonst erkennen wir in ein paar Jahren, dass die grossen Investitionsentscheidungen zu Ungunsten unseres Standorts ausgefallen sind.»

Gibt es international Standortmarketingorganisationen, welche Sie für besonders innovativ halten?

«Es fallen mir spontan zwei Beispiele ein: London, vor allem wegen der Art und Weise, wie die Organisation die Bedeutung und das Angebot der Finanzindustrie mit einbezieht und argumentativ hervorragend verkauft. Der Wirtschaftsraum Zürich und die Schweiz haben es eindeutig verpasst, entsprechend aufzutreten – obschon unser Finanzplatz nach wie vor konkurrenzfähig ist und für Innovationsprozesse nachgefragte Dienstleistungen anbieten könnte.

Dann, Barcelona: Dessen Ansatz ist so einfach wie bestechend. Barcelona holt mit grossen Flagship-Events wie dem Mobile World Congress Unternehmen und Organisationen auf den Platz, bringt ihnen das innovative Ökosystem vor Ort näher und führt dabei auch gleich noch vor, wie lebenswert die Region ist. Zugegeben: Messen und Events sind kostspielig und erfordern genügend Ressourcen.

Die Idee einer Innovationskonferenz wie der Genfer LIFT Conference sollte Zürich aber prüfen. Man muss nun etwas tun, um die internationalen Spitzenrankings halten zu können.»

Sehen Sie in der Schweiz Standortpromotions-Praktiken, die den heutigen Ansprüchen nicht mehr genügen?

«Was sicher als überholt gelten muss – obschon wir uns hier schon im Bereich der Wirtschaftsförderungsmassnahmen bewegen – sind Einzeldeals. Also gezielte Begünstigungen, um Unternehmen anlocken zu können. Effektive Tax Holidays anbieten, das hat sich nicht als nachhaltig erwiesen – und es benachteiligt alle anderen. Standortmarketing muss Fairplay propagieren, alles andere macht bloss schlechte Stimmung, und bringt dann über die Jahre auch nicht die erhoffte Wertschöpfung. Es gab ja leider Beispiele von Firmen, die über ein Jahrzehnt Steuervergünstigungen genossen haben, um dann die Schweiz zu verlassen.

Dann orte ich auch eine gewisse Schwäche, was das Zusammenspiel von Handels- und Aussenpolitik angeht. Das macht beispielsweise Grossbritannien viel besser. Switzerland Global Enterprise mit den Swiss Business Hubs, Präsenz Schweiz sowie Swissnex sollten ihre Aktivitäten besser verzahnen, um mit vereinten Kräften für die Promotion des Standorts Schweiz einzustehen und potentielle Interessenten für die Möglichkeiten des Schweizer Innovations-Ökosystems zu sensibilisieren.»

Wie sähe der Innovationsraster für eine Standortmarketing-Organisation der Zukunft aus?

«Der Fokus soll auf der Bildung von Clustern liegen. Standortmarketing soll nicht in Einzelfirmen denken, wohl aber in deren «Ökosystem» und entlang der Frage, welche Bereiche sich gegenseitig befruchten können. So können Ansiedlungen, die ein neues Element in ein System fügen, dieses immer wieder neu beleben und an seinem Erfolg und schliesslich am Mehrwert für die Region mitbauen. Cluster sind ein funktionierendes System: Im Cluster gibt es Forscher, Entwickler, Investoren, Wirtschaftsanwälte; es sind eigentliche kleine Wirtschaftsräume. Da Innovation immer bottom-up entsteht, müssen vor allem die richtigen Rahmenbedingungen gesetzt werden, damit die besten Köpfe auch weiterhin in die Greater Zurich Area kommen und hier etwas aufbauen. Dann bleiben wir auch in Zukunft einer der drei innovativsten Standorte weltweit!»

Interaktive Industrie Karte
Erfolgsgeschichten
+41 44 254 59 59
2:25 am
+1 415 655 1045
2:25 am
+86 21 6235 1889
2:25 am

Subscribe to our newsletter (englisch)