Disney Research

Viele Effekte, die wir in letzter Zeit in Filmen von Disney gesehen haben, haben ihren Ursprung in Zürich beziehungsweise wurden direkt hier entwickelt. Dies ist der einzige Standort, an welchem der US-Medienkonzern ausserhalb der USA aktiv Forschung und Entwicklung betreibt. Warum das so ist und wie Disney Research Zürich funktioniert, erklärt der Direktor Markus Gross.

In Zürich befindet sich das einzige Disney Research Center in Europa. Wieso gerade hier?

Markus Gross: Da gibt es drei Gründe. Einer ist der Standort Zürich selbst: Der Grossraum Zürich bietet eine exzellente Standortqualität. Die gebotene Lebensqualität ist sehr hoch, die verfügbare Infrastruktur ist hervorragend, (Arbeits-) Wege sind kurz, und es herrscht ein arbeitgeberfreundliches Klima. Der zweite Grund ist die Qualität der ETH. Unsere Angewandte Forschung profitiert von einem regen Austausch von Ideen mit der Grundlagenforschung und die ETH ist schlicht eine der besten technischen Hochschulen der Welt. Wir arbeiten eng mit ihr zusammen und haben dadurch Zugriff auf ein breites Spektrum an Expertenwissen. Der dritte Grund liegt in unserem Forschungsbereich des „Visual Computing“ – ich selbst bin bereits seit 20 Jahren Professor an der ETH und war in dieser Zeit bereits mit Disney in Kontakt. Viele für Disney relevante Vorarbeit wurde dabei bereits geleistet, und so mussten wir nicht von Null anfangen.

Und was genau wird am Forschungszentrum in Zürich entwickelt?

Bei Disney Research wollen wir neue Technologien für alle Bereiche entwickeln, die für unsere Firma von Relevanz sind. Disney ist der weltgrösste Unterhaltungskonzern und ist in verschiedenen Bereichen tätig, darunter in Film, Fernsehen, Parks und Resorts, sowie Consumer Products. Wir forschen ganz gezielt in diesen Bereichen.

Zum Beispiel?

Eines unser Ziele ist es, bahnbrechende Technologien für die Filmindustrie zu entwickeln, die den Produktionsprozess eines Films verändern. Der klassische Prozess lässt sich in Pre-Produktion, Produktion und Post-Produktion unterteilen. Wir entwickeln Technologien, die es uns ermöglichen, Elemente der Post-Production in die Pre-Production zu integrieren. Dadurch können viele teure Effekte, welche bis zu 60 Prozent des Filmbudgets ausmachen, eingespart werden.

Was sieht man letztlich im Kino von dem, was Sie entwickeln?

Unsere Arbeit ist in mehr oder weniger allen sogenannten Live-Action-Filmen mit realen Schauspielern präsent, oft ist unser Beitrag aber sehr subtil. Ein eher offensichtliches Beispiel sind die Gesichter der Feen im Fantasy-Film „Maleficent“ (2014). Die drei Feen, welche dort eine bedeutende Nebenrolle spielen, erhielten ihre Gesichter durch unsere Technologie. Das sind stilisierte Feen, hinter denen aber reale Schauspielerinnen stehen. Ihre Gesichter wurden leicht karikiert, aber alle charakteristischen Merkmalen der Schauspielerinnen blieben erhalten. Mit unserer „Facial Motion Capture“ – Technologie der geometrischen Erfassung der Gesichter und Gesichtszüge – konnten wir so ein Mass an Realität in die Spezialeffekte miteinbringen. Das ist eine neue Qualität, weswegen das Effekt-Team auch in die engere Auswahl für den Tech-Oscar aufgenommen wurde.

Inwieweit ist das Zentrum in Zürich besonders im Vergleich zu den anderen Standorten?

Wir haben zwei grosse externe Standorte in Zürich und Pittsburgh, welche sich in vielen Punkten sehr ähnlich sind. Dank der ETH sind wir aber enger mit einer Hochschule verbunden, als dies momentan in Pittsburgh der Fall ist. Das dritte Disney Research Lab ist am Hauptsitz in Hollywood gelegen. Dort arbeiten hauptsächlich Forscher von Disney und fast keine Studenten.

Wie gehen Sie mit der Schweizer Kostenstruktur um?

Ich muss gute Argumente finden, um diesen Standort gegenüber der anderen westlichen zu verteidigen. Jetzt umso mehr, da der Franken gegenüber anderen Währungen signifikant an Wert zugelegt hat. Bisher waren wir jedoch auch produktiver als andere Standorte. Wenn wir das weiterhin sind und auch die Qualität der Mitarbeiter auf dem bisherigen hohen Niveau bleibt, dann können wir unseren Produktivitätsfluss erhalten und so leicht für unseren Standort argumentieren.

Woher stammen Ihre Mitarbeiter?

Unsere Mitarbeiter stammen aus 20 verschiedenen Ländern. Im Bereich der Doktoranden kommen bei uns mehr als 50 Prozent von der ETH Zürich. Ich achte darauf, lokale Studenten zu nehmen und so haben wir insgesamt eine gute Mischung. Wenn ich als Professor mit Doktoranden arbeite, ist das für mich als Mentor eine grosse Verantwortung.

Welche Rolle spielt hier die Internationalität?

Wenn wir hier am Standort Forschung auf Spitzenniveau betreiben wollen, dann müssen wir die besten aus einem sehr grossen Pool von Talenten überall aus der Welt zu uns herholen können. Dies gilt auch für die ETH. In den vergangenen 20 Jahren haben wir uns hier in Zürich von einem reinen Finanz-Standort in einen Technologie-Standort entwickelt.

Was ist der Grund dafür?

Es gibt hier in Zürich eine Gruppe von sehr erfolgreichen Hightech-Entrepreneurs. Ich denke, dass der unternehmerische Enthusiasmus dadurch auch bei den Studenten stark zugenommen hat. An der ETH haben wir zudem sehr viel Infrastruktur aufgebaut, um Studenten und Mitarbeiter bei der Gründung eigener Firmen zu unterstützen und den Prozess für sie zu vereinfachen. Mittlerweile werden von Angehörigen der ETH pro Jahr an die 40 Start-Ups gegründet. Als kleines Land ohne physische Ressourcen kann die Schweiz langfristig nur mit Qualität, Innovation und technischer Exzellenz ihre Standards halten.

Ist eine Verlagerung des Disney Research Center eine Option?

Nein, wir haben keine Abwanderungspläne. Die Verbindung mit der ETH allein – es würde Jahre dauern, bis so eine Beziehung anderswo wieder ausgebaut wäre. Das wird nicht passieren. Wir ziehen stattdessen genauer in Betracht, ob wir gewisse Standorte ausbauen wollen.

 

Zur Person:

Markus Gross ist Professor der Informatik an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich, Direktor des Computer Graphics Laboratory, und Direktor von Disney Research, Zürich.

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